TÄNZERISCHE HORIZONTERWEITERUNG AUF 1200 METERN HÖHE
Was führt ziemlich genau 32 Paare oder 64 Tänzer jedes Jahr wieder in der letzten Oktoberwoche in das höchste Bergdorf Deutschlands, Oberjoch, auf 1200 m Höhe zwischen Kempten und Sonthofen gelegen? Die Tänzer setzen sich dabei aus Breitensportlern und aktiven- / Ex-Turniertänzern zusammen: Sie frönen dort im Haus Rheinland-Pfalz (des gleichnamigen Landessportbundes) der Tanzsport- und Gesundheitswoche des Tanzsportverbandes Rhld.-Pfalz (TRP). Diese Woche wird als Geheimtipp unter Insidern gehandelt, aber auch Neulinge haben eine Chance, so sie sich auf die Warteliste trauen, weil doch eine gewisse (meist unfreiwillige) Fluktuation Plätze frei werden lässt. Die Attraktivität liegt einmal in einem konzentrierten Angebot von tänzerischer Weiterbildung, Übung, Verbesserung, Kennenlernen neuester Trends und zugleich der fundierten Einführung in interessante Randgebiete. Zum Anderen bietet sich die Alternative, einzelne Übungsblöcke ausfallen zu lassen und dafür Wander- und / oder Einkaufsausflüge in die herrliche Bergwelt zu machen, z.B. ins benachbarte Tirol oder nach Sonthofen / ins Kleine Walsertal. Obendrein erhalten die Übungsleiter / Trainer unter den Teilnehmern wegen der fachlichen Qualität der Tanzangebote auch noch 5 Übungseinheiten zum Lizenzerhalt angerechnet.
Das Oberjoch-Konzept Roland Schluschaß ist der Referent und Vordenker für diese Tanzsportwoche. Er wählt jedes Jahr einen anderen Schwerpunkt, 2009 z.B. „Körperbeherrschung und Zeit im Raum“, auf dem er dann mit Fachkompetenz und didaktischem Geschick das Programm aufbaut. Als wertvollen Nebeneffekt vermittelt er dazu noch Erfahrungen und Trends aus der großen weiten Tanzsportwelt, die er ständig durch sein breites Tätigkeitsspektrum, u.a. Wertungsrichter der höchsten Klassen national / international, gewinnt. Für Spezialgebiete wie Orientalischen Tanz oder Disco-Fox werden anwesende Übungsleiter als Gastreferenten eingebunden. Roland und sie gestalten die Übungsblöcke, immer anspruchsvoll, geschickt anspornend und mit Feedback an der richtigen Stelle, jedoch alles in lockerer, entspannter Atmosphäre.
Die Themengruppen des Programmes Die Gestaltung der Woche gliedert sich in 1.)Tänzerische Grundausrichtung : Vortanzen, Takt und Rhythmus, Unterrichtsblöcke für Geübte (..Breitensportler) und Fortgeschrittene (..Trainer, Turniertänzer) in Standard und Latein. Neuere Disziplinen werden nicht vergessenen, wie da sind New Vogue, Disco Fox, Line Dance für Senioren. 2.) Körperbeherrschung und Gesundes 3.) Entspannendes, Geselligkeit und Vergnügen
Bericht 2009
1. Tänzerische Grundausrichtung
Tanzsportliche Vorstellung der Tänze Üblich und erwartet war nach dem montagmorgendlichen Aufwärmen das Kennenlernen der einzelnen Paare durch Vortanzen. Diesmal allerdings vergebliches Warten auf das Spießrutenlaufen...die Aufwärmmusik spielte weiter, wechselte durch diverse Rhythmen und Roland ließ alle Paare sich frei entfalten... Diese „Entfaltung“ entwickelte sich von ‚stehenbleiben mit / ohne Schwätzchen‘ bis hin zu ernsthaften Technik- / Haltungs- und Figurenübungen. Roland machte uns hinterher klar, dass Sinn der Übung gewesen war, sich bewusst zu machen, was man mit sich, seinem Körper und seinem Tanzpartner zur Tanzmusik sinnvoll anstellen könnte / sollte.
Takt und Rhythmus In dieser Stunde wurde die Erkenntnis vertieft, dass manche Tänze rein nach Takt getanzt werden (Wiener und langsamer Walzer) andere wiederum dazu auch im Rhythmus (Beispiel Tango betont auf 1 oder aber auf 2). Als Dreingabe gab Roland eine sehr einprägsame Auffrischung des Einstiegs in eine gute Tangohaltung, ausgehend von der normalen Standardhaltung, mit dem tangospezifischen Abgleiten der rechten Hand des Herren und Abdrehen der Fußstellung um 1/8 in die engere versetzte Tangohaltung. Übungseinheiten Standard-Tänze mit mittlerem und höherem Schwierigkeitsgrad In den (jeweils) zwei Blöcken wurde über den richtig getanzten Slow-Fox Grundschritt perfekt demonstriert und von der Gruppe nachvollzogen, dass ein SF nicht ein arm getanzter Langsamer Walzer ist, sondern seine eigene Schrittcharakteristik besitzt mit moderatem Heben und Senken und dem einzig exakt zu treffenden Schritt auf die 3. Als Schmankerl dazu gab es Paarhaltungsübungen u.a. unter Benutzung des vom TRP für alle gestifteten elastischen Gymnastikbänder.
Übungseinheiten Lateinamerikanische Tänze Die zwei Blöcke vermittelten beherzigenswerte Denkanstöße beim Rumba für Grundschritt, Alemana (Dame) und New York zur Verbesserung von Ausführung und Wirkung. Beim Paso Doble demonstrierte Roland anschaulich, dass der Appel eben kein bloßes Aufstampfen des rechten Absatzes (Herr) ist, sondern ein Umsetzen der vor Takt 1 aufgebauten Körperspannung in eine Tango-Haltung für die Folgeschritte, unter Versetzen des Absatzes. Dazu gab es die generelle und uns vorher noch nie so klare Verdeutlichung des Kreuzschrittes in Latein: Kreuzschritt ist ein an den Absatz des stehenden Fußes nachgesetzter Fußballen, somit ein ganz anderer Schritt als der Kreuzschritt in Standard.
Paartanz im New Vogue In zwei Blöcken brachte uns Roland den ‚New Vogue‘ nahe, die australische Eigenentwicklung aus dem englischen Sequenz-Tanz. Mit viel Vergnügen ließen die Paare den Beweis australischer Eigenständigkeit über sich ergehen, die sich u.a. durch abgewandeltes Musiktempo (Walzer viel langsamer) und modifizierte / eigene Nicht-Standard-Schritte (z.B. Aerial = gehobener Kick zur Schwungumkehr) manifestiert. Dabei wurden als typische Beispiele die zwei Tänze ‚Pride of Erin‘ und ‚Ragtime Swing‘ eingeübt und am Ende fast perfekt durch alle beteiligten Paare im Kreis im jeweils gleichen Schritt durch die 24+ Takte der Choreographie getanzt.
Disco Fox Günter und Anneliese Chatenay führten im ersten Block in die Grundschritte des Disco-Fox ein. Dank ihrer liebenswürdigen Beharrlichkeit saßen am Ende die theoretisch möglichen Schritte von ‚sur place‘ bis ‚ Cucaracha links‘ so gut, dass sie im zweiten Übungsblock locker mit Figuren wie Windmühle, Körbchen, Brezel aufsetzen konnten. Am Ende fühlten sich die teilnehmenden Paare für jede Art von Disco-Fieber bestens gewappnet.
Wir wappnen uns für die Zukunft: ‘Line Dance‘ für Senioren Auch Tänzer werden bei guter Gesundheit und Beweglichkeit immer älter, leider nicht gleichmäßig paarweise: Dem kommen die Line Tänze entgegen, die choreographisch und körperlich anspruchsvoll sind, aber gruppenweise betrieben werden und damit keine Paare voraussetzen. Inge Liedke als geübte Seniorentanz-Betreuerin band in ihrer Übungseinheit die Gruppe mit Charme und Ausdauer so geschickt in zwei Israelisch inspirierte Line-Tänze ein, das alle (altersunabhängig) begeistert bis zum atemlosen Ende mitmachten und sich damit ihre virtuelle Halb-Marathon Übungseinheit erwarben.
Heiße Tänze altersgerecht aufbereitet: Swing, Slow Jive Der Einstieg in das Thema Jive zeigte exemplarisch, wie elegant der Referent und seine Helfer die Programmfußnote „Änderungen im Programmablauf sind situationsbedingt möglich..“ umzusetzen verstanden: Roland übernahm das ursprünglich angesetzte „Fröhliche Tanzen“ und gestaltete es zu einem sehr ergiebigen Exkurs in die Welt des Jive für nicht mehr ganz so schnelle Tänzer: Wir erlebten, dass sich die schnelle Jive-Musik mit Slow-Jive- oder Swing-Schritten noch sehr genussvoll beherrschen lässt, ohne wegen zu hohem Tempo außer Takt un außer Atem zu kommen.
Auch das Deutsche Tanzsportabzeichen (DTSA) ist Teil der tänzerischen Grundausrichtung Traditionsgemäß kann in Oberjoch auch das DTSA abgelegt werden: Roland Schluschaß waltet als DTSA Abnehmer praktisch auf Zuruf in einer dafür reservierten Mittagspause seines Amtes. Dieses Jahr konnte er zwei extrem unterschiedliche Paare erfolgreich abnehmen: Horst und Roswitha Appelrath ertanzten sich souverän ihr 25. DTSA in Gold mit Kranz und Rolf und Beatrix Böttcher vom gleichen Mainzer Club wagten sich in deren großen Schatten zum allerersten Male ans DTSA.
2. Körperbeherrschung und Gesundes
Isometrie Gezielte Muskelanspannung und sekundenlanges Halten gegen ein (auch virtuelles) Hindernis kann bei geringem Zeitaufwand ähnlich effektiv sein wie dynamische Krafttraining z.B. an Fitness-Geräten – dies war wieder die Botschaft von Roland Schluschaß in der Isometrie-Übungseinheit – und wurde von der Gruppe unter Rolands Anleitung effektvoll am eigenen Leibe erfahren.
Etwas Gutes für den Körper Jürgen Steingötter schöpfte aus seiner reichen Erfahrung als Bewegungstherapeut für Herzpatienten und brachte unseren Kreislauf mit seinen scheinbar einfachen Hilfsmitteln und Übungen auf Touren.
Tango Argentino Viele Liebhaber des wahren, des Argentinischen Tangos, ließen sich von Götz und Edeltraud Steingötter zu demselben verführen und zu verführerischen Klängen in die Geheimnisse der richtigen (sehr engen) Haltung, und des stets mit Bodenkontakt getanzten Schrittes einführen. In der Übungseinheit lernten sie Ihre Fähigkeiten über die Grundschritte hinaus bis zu den ‚Ochos‘ zu entwickeln, und legten sich damit eine solide Grundlage für heiße Tangonächte zu.
Orientalischer Tanz Die Bandscheibengeschädigten mussten leider passen, als Anke Linder uns (wieder) an die Geheimnisse des Orientalischen Tanzes heranführte. Die motivierten Hüftschwenker schafften es unter ihrer geschickten Anleitung, mit gespannter Beckenbodenmuskulatur (und damit ohne Wirbelbelastung) sich vom einfachen über das 8-förmige Hüftkreisen bis zum arabischen Grundschritt (links wie rechts) vorzuarbeiten und damit das “Sesam“ dieses Tanzes etwas weiter aufzustoßen..
Française Was treiben Tänzer in Oberjoch zu den Klängen der Quadrille aus der ‘Fledermaus‘? Sie lassen sich von Nickolaus und Helga Steinmetz in zwei Übungseinheiten zu 5 Folgen der Française (ver-) führen. Große Gaudi und selige Tanzstundenerinnerungen diesmal, bis alle Folgen saßen und mit Bravour in einem Block demonstriert werden konnten: Française-gemäß aus Gegenüberstellung der Paare in 2 Reihen und mit französischer Ansage der Figuren, jede Folge beginnend mit ‚Reverence‘ ( = höfische Begrüßung) reihum.
3. Entspannendes, Geselligkeit und Vergnügen
Die Aktivitäten dieses Jahres stehen nur exemplarisch für die immer sehr geschickt geplante Abrundung des Wochenprogrammes durch gemeinsame vergnügliche Abendgestaltung oder auch durch den gemeinsamen Tagesausflug, so lohnendes Ziel vorhandenen und das Wetter mitmacht: 2009 erfreuten wir uns an - Kegeln / Sauna am übungsfreien Montagabend - Gemeinsamem Tanz- /Übungsabend am Mittwoch - Abendwanderung und Hüttenabend am Freitag